Unser Giescheid
     Unser Giescheid

Giescheid in den Kriegsjahren

 

Giescheid im Krieg

Karl Reger, Giescheid

Neue Zeiten

Anfang 1933 übernahmen die Nazis die Herrschaft im Lande. Sie setzten auch in unseren kleinen Eifelgemeinden die Bürgermeister ab und ihre eigenen Leute ein.

Der neue Bürgermeister Wilhelm Fischer aus Oberhausen (Ruhrgebiet), ein alter Parteigenosse und SS-Sturmbannführer, hinterließ einen derartigen Eindruck, dass man sich seiner noch mehr als 60 Jahre später mit Schaudern erinnert. Er schikanierte die Schwächeren, vor allem die jüdische Bevölkerung, und protegierte „Speichellecker“, die er in den Dörfern um sich scharte. Die breite Mehrheit der Bevölkerung hatte sich in der Weimarer Republik politisch an der katholischen, rheinischen Zentrumspartei orientiert.

Im März 1936 besetzten deutsche Truppen völkerrechtswidrig das entmilitarisierte Rheinland. Die Siegermächte des ersten Weltkriegs schauten dieser Provokation tatenlos zu.

Bürgermeister Fischer bestimmte, dass in den Schulen ein Hitlerporträt in das Blickfeld der Kinder gehängt werden sollte, dorthin wo bisher das Kreuz hing. Die Lehrer hängten das Kreuz etwas höher und Hitler darunter.

Die ersten Einquartierungen von Soldaten waren für die Kinder eine spannende Abwechslung, für die Bauernfamilien aber eine ziemliche Belastung.

Westwall-Bau

Im Mai 1938 begann der Bau des Westwalls und die Höhengebietsdörfer wurden überschwemmt mit Tausenden von Arbeitern, die der Organisation Todt (OT) oder dem Reichsarbeitsdienst (RAD) angehörten. Überall entstanden für diese Arbeiter Barackenlager (z.B. in Neuhaus, Dalmerscheid, Oberwolfert, Berk/Bevertberg oder Wiesen). In der Pfarre Rescheid sollen sich damals etwa 3000 Fremde aufgehalten haben. In ihrer Freizeit sprachen diese Leute verstärkt dem Alkohol zu, Randale und Schlägereien waren an der Tagesordnung. Schändungen von Wegekreuzen oder Bildstöcken lösten Entsetzen unter der katholischen Bevölkerung aus. Viele Familien verdienten sich aber auch ein Zubrot, indem sie Führungspersonal Kost und Logis gewährten oder Materialtransporte mit ihren Fuhrwerken übernahmen.

Zusätzlich gab es mehrfach Einquartierungen, so dass es in den sonst so stillen Dörfern von Menschen nur so wimmelte. 1938 lag ein Zug Schlesier mit ihren Pferden in Giescheid.

Im Sommer 1939 wurde die „deutsche Gemeinschaftsschule“ eingeführt und die Kreuze aus den Schulen entfernt. Die strenggläubigen Dorfbewohner waren entsetzt und als einer der beteiligten SS-Leute kurze Zeit danach auf seltsame Weise verstarb, betrachtete man das als ein Zeichen.

Der Beginn des 2. Weltkriegs

Die Einquartierungen ab August 1939 (Soldaten aus der Pfalz) können als erste Vorboten des nahenden Krieges gelten. Am 1. September überfielen deutsche Truppen Polen. Obwohl Frankreich und England daraufhin Deutschland den Krieg erklärten, blieb es im Westen zunächst ruhig. Wohl durften keine Kirchenglocken mehr geläutet werden und abends waren die Fenster wegen der Gefahr von Luftangriffen zu verdunkeln. Nur die zunehmenden Einberufungen junger Männer aus der Pfarre und die Sondermeldungen, welche die Hocheifeler gespannt an den wenigen „Volksempfängern“ verfolgte, erinnerten daran, man sich im Krieg befand.

Am 10. Mai 1940 endeten die Einquartierungen mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien. Seit Tagen schon hatten vermehrte Truppenbewegungen angedeutet, dass „etwas im Gange war“.

Immer wieder sorgte der Überflug feindlicher Flugzeuge für Unruhe unter der Bevölkerung, auch wenn noch keinerlei Angriffshandlungen zu registrieren waren.

Der Schrecken des Krieges

Im April 1941 verzeichnete Giescheid das erste Kriegsopfer. Johann Pützer-Reder wurde bei Tobruk in Nordafrika vermisst. Am 23. Juli 1943 fiel Alois Sieberath am Ladoga-See in Russland. Bürgermeister Fischer überbrachte die traurige Nachricht persönlich mit stolzgeschwellter Brust der verzweifelten Mutter: „Ihr Sohn fiel für Führer, Volk und Vaterland!“

Anfang 1943 wendete sich das Kriegsgeschehen. Die bislang siegreichen deutschen Armeen mussten überall den Rückzug antreten. Die Alliierten landeten am 6. Juni 1944 in der Normandie. Seit Ende August 1944 konnte man das Grollen der herannahenden Front im Westen hören. Anfang September kamen „Hitlerjungen“ an, die am Westwall schanzen sollten. „BDM-Mädchen“ sollten für sie kochen. Auch eine Kompanie Soldaten rückte in die Pfarre ein. Gerüchte verbreiteten sich, dass die Höhendörfer geräumt werden sollten. Die meist polnischen Zwangsarbeiter wurden abgezogen. Tieffliegerangriffe auf den Westwall und die Bahnlinien häuften sich.

Am 11. September zogen die Jugendlichen ab, ein Pionierbataillon und auch ein Divisionsstab stattdessen ein.

Die Jagdbomberangriffe nahmen mehr und mehr zu. Die ersten Familien aus der Pfarre zogen am 12. und 13. in die Stollen an der Aufbereitung oder im Pauelssiefen. Am 14. September kam der Räumungsbefehl, dem aber kaum jemand Folge leistete. Alle Giescheider beispielsweise blieben daheim. Doch dann kam am 15. die Zwangsräumung. Wer nicht räumte, wurde als Volksverräter betrachtet. In der folgenden Nacht verließen die Letzten in aller Herrgottsfrühe gegen ½4 Uhr mit Ochsenfuhrwerken die Heimat. Weinend ließ man Haus und Hof zurück, nachdem man das Vieh losgebunden hatte. Die meisten fanden Obdach bei Familien in Sistig, Steinfeld, Wahlen oder Marmagen.

Schon bald erreichten die Flüchtlinge Nachrichten über Plünderungen durch deutsche Soldaten in den Heimatorten. Die Menschen verzweifelten. Am 19. September schlugen die ersten Granaten in die verlassenen Dörfer ein. Man kehrte immer wieder in die Dörfer zurück, um zurückgelassenes Vieh in die Evakuierungsorte zu holen.

Am 7. Oktober schlugen viele Granaten in Giescheid ein, die jedoch kaum Schäden verursachten. Ziemlich häufig hielten sich Einheimische in den Dörfern auf, um Vieh zu versorgen oder auf den Feldern zu arbeiten. Die Kartoffelernte hatte gerade erst begonnen. Vereinzelt blieben Männer zurück, die sich nachts oder während des Beschusses in Kellern aufhielten. Sie sahen nach dem Rechten und kümmerten sich um das zurückgelassene Vieh. Möbel wurden in die Keller geschafft.

Am 11. Oktober brannten nach Artilleriebeschuss die Häuser von Engelbert Jütten, Pützer (Schmiede) und Berners ab, die von Michael Pützer und Sieberath erhielten Volltreffer.

Wieder ging ein Gerücht um, dass die Evakuierten weiter nach Osten ziehen müssten. Man fürchtete, über den Rhein vertrieben zu werden. Doch niemand ging von sich aus. Himmler befahl am 18.10. die Einrichtung des Volkssturms.

Am 15.11. fiel der erste Schnee, so dass kein Vieh mehr gehütet werden konnte. Viele verschenkten Vieh, um wenigstens das ein oder andere Stück von den Gastfamilien durchgefüttert zu bekommen. Zuhause herrschte heillose Verwüstung durch Beschuss und Plünderungen.

Am Sonntag, den 03.12. fand in Krekel das traditionelle Barbara-Hochamt für die Angehörigen der Rescheider Pfarre statt. Nachmittags unterzeichneten alle anwesenden Familienoberhäupter in Marmagen das Gelübde einer jährlichen Wallfahrt nach Heimbach, jeweils am Fest der Sieben Schmerzen Mariens, dem Tag, an dem man die Heimat verlassen musste (15.09.).

Zu den etwa 400 Flüchtlingen in Marmagen strömte mehr und mehr Militär. Das Dorf drohte, aus den Angeln zu platzen. Allein im dortigen Pfarrhaus hausten 43 Personen. Am 10. Dezember setzte starker Schneefall ein, ein Besuch der Heimatdörfer wurde dadurch unmöglich. Am 13. bezog der Stab des SS-Generalobersten Sepp Dietrich in Marmagen Stellung.

Immer mehr Truppen kamen an, Königstiger-Panzer zermalmten alle Straßen. Am 16.12. begann die Ardennenoffensive, deren Hauptstoßrichtung zwischen Hollerath und Losheim am Westwall lag. Generalfeldmarschall Model hielt sich in Marmagen auf. Nicht überall erzielten die deutschen Truppen große Geländegewinne, doch die schnellen Panzerverbände stießen, begünstigt durch das schlechte Winterwetter, rasch bis in die Ardennen vor. Doch Weihnachten klarte der Himmel auf, der nun von den alliierten Bomberverbänden beherrscht wurde. Die mit Flüchtlingen vollgestopften Dörfer wurden bombardiert. Marmagen blieb wie durch ein Wunder unversehrt, doch wurden beispielsweise Wahlen und Zingsheim voll getroffen, wobei viele Zivilisten getötet wurden.

Anfang Januar 1945 kehrten viele nach Hause zurück, um aufzuräumen und notdürftige Reparaturen vorzunehmen.

Die deutsche Offensive war nicht nur aus Treibstoffmangel steckengeblieben. Ende Januar standen die Alliierten bereits wieder bei St. Vith. Am 29. Januar lagen die Pfarrdörfer wieder unter Artilleriebeschuss und die Menschen verließen erneut ihre Heimat. Daheimgebliebene zogen in die Keller.

Kriegsende und Wiederbeginn

Am 03. Februar standen die Amerikaner schon in Ramscheid. Mitte Februar fielen immer mehr Bunker rund um Kamberg und in Giescheid herrschte jede Nacht Späh-trupptätigkeit. Viele Soldaten liefen über und immer enger schloss sich die Zange um die Pfarrdörfer.

Am 19.02. starb Johann Pützer-Reder in Giescheid, wo er trotz der nahen Front beerdigt wurde. In den Kellern hielten sich immer noch eine ganze Reihe von Bewohnern auf. Nachts scharte man sich in einzelnen Kellern zusammen und betete, etliche darunter, die sich dem drohenden Wehrdienst entzogen oder nach einem Urlaub nicht zu ihren Einheiten zurückgekehrt waren.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar nahmen amerikanische Einheiten über die Preth aus Richtung Kambach und Eckberg Giescheid ein. Die Soldaten des 2. Bataillons vom 273. Regiment der 69. amerikanischen Infanterie-Division rühmten die Einnahme des kleinen Dörfchens später ebenso als Highlight ihrer Kriegserlebnisse, wie die Einnahme von Hannoversch-Münden, das berühmte Aufeinandertreffen mit den Sowjets bei Torgau an der Elbe und die Erstürmung der Stadthalle von Leipzig. Die Beschreibungen der Kampfhandlungen durch Pastor Meurer und die amerikanischen Quellen sind im Übrigen deckungsgleich. Bis zum 1. März wurden die anderen Pfarrdörfer eingenommen.

Die Amerikaner brachten alle Zivilisten aus der Schusslinie nach Ramscheid, wo sie in wenigen Häusern eingepfercht wurden. Die Amerikaner stellte Autos zur Verfügung, um aus den Heimatdörfern Lebensmittel zu holen. Pastor Meurer wurde zum Bürgermeister ernannt. Der zuständige amerikanische Offizier war Lieutenant Richard Artschwager (ziemlich sicher), der später ein weltberühmter Künstler wurde.

Am 8. März entließen die Amerikaner alle Festgehaltenen endlich nach Hause, wo sie die verbliebenen Habseligkeiten buchstäblich aus dem Mist suchen mussten. Die überall umherliegenden toten Soldaten wurden bestattet. Die Menschen kamen nach und nach aus den Evakuierungsorten zurück. Notdürftig wurden die ersten Häuser repariert. Man half einander so gut es ging. Wer kein Dach mehr über dem Kopf hatte, zog zu Nachbarn oder Verwandten.

Pastor Meurer organisierte eine Arbeitsdienstbaracke in Wiesen, die von den Pfarrangehörigen nach Rescheid geschafft wurde, um dort als Notkirche zu dienen. Diese wurde bereits am 23. April, also mehr als 2 Wochen vor Kriegsende, durch Bischof Johannes Josef van der Velden aus Aachen eingeweiht.

Die Not war sehr groß. Es fehlte an Lebensmitteln, da die Ernte im letzten Herbst nicht eingebracht werden konnte. Kartoffeln und Getreide waren Mangelware. Man kochte ausgewachsenes Getreide, buk daraus Brot und bestrich dies mit Klatschkäse. Erfrorene Kartoffeln vervollständigten den Speisezettel. Mangelnde Hygiene verursachte eine Läuseepidemie, Krätze und Durchfallerkrankungen.

Baumaterial war kaum zu bekommen, aber Pfarrer Meurer beschaffte manches für die notleidenden Leute, auch wenn er zuerst immer an den Wiederaufbau „seiner“ Kirche dachte. Immer wieder passierten Unfälle durch herumliegende Munition und auch nach längerer Zeit fand man noch tote Soldaten an versteckten Stellen. Neben einer Missernte gab es 1945 Mäuse- und Wildschweinplagen. Die Versorgungslage war u.a. so schlecht, weil kein einziges motorisiertes Fahrzeug in der Pfarre vorhanden war, womit Waren hätten beschafft werden können.

Nach Monaten fanden noch Exequien für Gefallene statt, so z.B. am 22.10.1945 für Hermann Jütten, der nur 17 Jahre alt wurde. Auch fanden Umbettungen von Toten statt, die zunächst in der Fremde beerdigt worden waren. Sie durften nun endlich auf dem Heimatfriedhof ruhen. Giescheid hatte nur eine Ziviltote zu beklagen, Katharina Radermacher, die in Düsseldorf bei einem Bombenangriff starb, nur 22 Jahre alt. Ins-gesamt beklagte das kleine Dorf 11 Kriegstote:

Johann Pützer-Reder       20.04.1941

Alois Sieberath               23.07.1943

Karl Pützer                     18.05.1944

Josef Sieberath              08.10.1944  (+ im Lazarett Pressbaum bei Wien)

Josef Berners                 10.12.1944

Hermann Jütten              29.12.1944

Johann Berners               26.04.1945

Hermann (Josef) Haas     10.05.1945

Leo Pützer                      15.05.1945

Alois Dederichs               11.01.1947

Katharina Radermacher    03.11.1943

1946 sollte ein Jahr der Entbehrungen werden, Kleidung und vor allem Schuhe fehlten. Das Jahr begann mit Schneemassen. Seit dem vergangenen Herbst floss zwar wieder Wasser in den Leitungen, doch der Strom fehlte immer noch, stark rußende Petroleum- oder stinkende Karbidlampen sorgten für Licht in Stall und Stube. Erst am 22. Juni, nach fast 2 Jahren, wurde der Strom wieder eingeschaltet.

Am 12. Mai 1947 fand die erste Messe seit Herbst 1944 in der Bartholomäus-Kapelle statt. Am 13.02.1948 besuchte ein Glasmaler die Kapelle wegen neuer Fenster. Die alten waren im Krieg zerstört worden. Eingebaut wurden die neuen Fenster jedoch erst am 05. Juli 1952.

Am 5. April 1950 bauten die Giescheider ihr Heiligenhäuschen in Rescheid wieder auf. Im Sommer und Herbst 1952 arbeiteten alle Giescheider mit bei der Wiederherstellung der Dorfstraßen. Es sollten noch viele Jahre vergehen, ehe die letzten Kriegsspuren beseitigt waren.

 

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