Unser Giescheid
     Unser Giescheid

Giescheid Historie

Ein geschichtlicher Überblick

„Wir sind auf der Höhe“, lautet das Motto der „Dorfgemeinschaft Giescheid e.V.“, was nicht nur im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Tatsächlich zählt Giescheid mit 652 Metern über NN zu den höchstgelegenen Siedlungsplätzen in der Eifel.

Der Schleier der Geschichte liegt über dem Alter des Dörfchens im Höhengebiet der Gemeinde Hellenthal. Sicher hat es bereits in der vorgeschichtlichen Zeit den einen oder anderen Jäger in die Gegend verschlagen. Die ersten Spuren, die Menschen hinterlassen haben, sind römische Brandgräber aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. Diese Brandgräber wurden bei Feldarbeiten von Johannes Josef Berners in den 1930iger Jahren auf dem „Ohmenbruch“ („Üëhmebroich“), ein paar hundert Meter ostnordöstlich des Dorfes gefunden.

Einen knappen Kilometer nordwestlich des Dorfes befand sich einst auf dem „Burgkopf“ („Burëchkopp“), hoch über dem Prethtal mit der Oberprether-Mühle, eine mittelalterliche Turmhügelburg, eine so genannte „Motte“. Heimatforscher glauben, dass diese bereits im 9. Jahrhundert existiert habe. Archäologische Funde bestätigen ihr Bestehen sicher für das 12. Jahrhundert. In Urkunden wird sie als „Alt-Wildenburg“ bezeichnet. Unter Heimatforschern gilt sie folglich als Vorgängerbau der Wildenburg. Niemand weiß, warum und wann sie aufgegeben wurde.

Wer die ersten Siedler waren und wann sie sich auf der Bergkuppe des Gieschberges niederließen, die den Unbilden der Witterung nahezu schutzlos ausgesetzt ist, wird nicht mehr festgestellt werden können. Das Gebiet um Giescheid gehörte ur-sprünglich zur Herrschaft Reifferscheid, die erstmals 1106 in einer Urkunde erwähnt wurde. Die Herren von Limburg hatten das Sagen. Limburg, ein kleines belgisches Dorf bei Eupen, war einst die „Hauptstadt“ einer großen Herrschaft. Nach ihr sind bis heute die Provinzen Belgisch- und Niederländisch-Limburg benannt.

1195 teilten die Reifferscheider Brüder Gerhard und Philipp ihre Herrschaft untereinander auf. Gerhard behielt Reifferscheid und Philipp bekam Wildenburg, zu dem nun auch Giescheid mit dem „Burgkopf“ gehörte.

Den Kern des Dorfes bildeten wohl ursprünglich vier Höfe, die der Herrschaft Wildenburg, die 1335 zu einer Unterherrschaft Jülichs wurde, gegenüber abgabepflichtig waren.

Kirchlich gehörte Giescheid zur Pfarre Reifferscheid, die schon 1130 entstanden war. Da der lange Fußweg nach Reifferscheid zu den häufigen Gottesdiensten sehr beschwerlich war, erbauten die Giescheider 1669 eine kleine Kapelle.

Bild: Johann Jütten

Ausschlaggebend dürfte für diese Entscheidung aber vor allem der eigene Friedhof gewesen sein, wenn man sich einen Leichenzug im Winter über Stock und Stein nach Reifferscheid vorstellt. Fahrwege oder gar Straßen existierten zu der Zeit natürlich nicht. Bis 1801 begruben auch die zu Wildenburg gehörigen Kamberger nach Giescheid. Die Kapelle wurde dem hl. Apostel Bartholomäus geweiht. Die zweite Patronin ist die hl. Maria Magdalena.

Der Rescheider Vikar las werktags Messen, zu besonderen Anlässen verrichtete dies der Pastor. Die Dorfbewohner mussten zu den Sonntags- und Festtagsgottesdiensten natürlich zur Pfarrkirche nach Reifferscheid gehen.

Zur Finanzierung der Kapelle dienten neben den Pachteinnahmen aus kleineren Grundstücken auch die Erlöse, die mit ein paar Schafen erwirtschaftet wurden, die die Einwohner reihum zu versorgen hatten.

Bild: Johann Jütten

Die Giescheider bauten ihre kleine Kapelle zum Schutz vor dem Wetter tief in den Boden hinein, was sich allerdings bei heftigem Regen als sehr nachteilig erwies. Dann lief nämlich reichlich Wasser in das Gebäude und die Feuchtigkeit durchdrang Boden und Wände. In einem Visitationsprotokoll von 1833 wird sie als „tief in der Erde liegend“ und „ähnlich einer Höhle“ bezeichnet.

Die armen Bauern vermochten kaum, auch nur das Notwendigste für die Instandhaltung des Gebäudes zu tun. Darum ließ der Dechant über die Verwaltung der Erzdiözese die Kapelle mehrfach schließen, bis die Einwohner sie halbwegs brauchbar wieder hergerichtet hatten.

Der Starrsinn der Giescheider siegte wiederholt. 1833 überlegte man tatsächlich, die Kapelle auf Abbruch zu verkaufen, da die Pfarre Rescheid kaum imstande war, allein die Pfarrkirche zu pflegen, viel weniger natürlich das Filialkirchlein. Das nächste Mal wurden 46 große Buchen, die um den Friedhof herum wuchsen, verkauft, um die Renovierung bezahlen zu können.

Legendär gestalteten sich die Verhandlungen, die man 1867 mit dem Kölner Erzbischof Dr. Paulus Melcher führte. Dieser befand sich auf einer Firm- und Visitationsreise. Sein Weg führte ihn, von Hollerath kommend, über Giescheid nach Rescheid. Als er ein dringendes Bedürfnis verspürte, bot man ihm in Giescheid ein Herzhäuschen an. Während er dort „thronte“, trugen ihm die Dorfbewohner von außen ihre Anliegen vor und baten, den Gottesdienst doch wieder zuzulassen. Diesen Majestätsbeleidigung fand Pfarrer Busch sogar in der Kirchenchronik erwähnenswert.

Ob direkt mit dem Bau ein Dachreiter für die Glocke errichtet wurde ist unbekannt. Die alten Aufzeichnungen berichten aber von einem kleinen Glöckchen, das 1757 gegossen wurde und wohl seither die Giescheider zur Messe rief. Am 4. Adventssonntag 1898 barst diese Glocke und es sollten noch einige Monate vergehen, ehe dann das heutige Stahlgeläute mit 3 Glocken im neuen Glockenturm erklang.

1928 malte der Kölner Kunstmaler Hans Zepter die Kapelle aus.

Bild: Johann Jütten

Die Statue des hl. Bartholomäus überstand den 2. Weltkrieg gut verpackt in einem Jauchefass, das man in der Erde vergraben hatte. Die Kapelle wurde nicht sehr beschädigt, allerdings gingen die Fensterscheiben zu Bruch.

Den Entwurf neuer Fenster übernahm 1948 der bekannte Künstler Ernst Jansen-Winkeln, doch diese konnten erst bei der Renovierung 1952 eingebaut werden. Dach, Innen- und Außenputz wurden instand gesetzt. 1955 wird die Kapelle vom Restaurator Hammes aus Münstermaifeld ausgemalt. Eine vermutete alte Bemalung findet man nicht. Auch die Fundamente werden „trockengelegt“, d.h. mit einem „Isolieranstrich“ versehen.

Die nächste Renovierung folgte vor dem 300-jährigen Jubiläum im Jahre 1969. Damals übertünchte man die Holzdecke mit dem „Quast“.

1983 wurde das Kirchturmdach letztmalig in Ordnung gebracht.

Erst 1990 konnte eine gründliche Sanierung der Kapelle in Angriff genommen werden. Aus Mitteln des Denkmalschutzes wurde die Kassettendecke aus Eichenholz restauriert und die alte, einmalige Farbfassung wiederhergestellt. Die Giescheider leisteten ehrenamtlich einen großen Beitrag und beteiligten sich auch an der Finanzierung. Der Altar, mit neuer Abdeckung, wurde von der Wand abgerückt, neue Bänke und ein Kreuz aus Eichenholz wurden beschafft. Pastor Stephan stiftete eine Statue der hl. Maria Magdalena, die in Südtirol geschnitzt wurde. Der hl. Bartholomäus ist seitdem nicht mehr so einsam. Erstmals kann man das Kapellenschiff nach dieser Renovierung als trocken bezeichnen.

 

Karl Reger

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